Awareness- und Sicherheitskonzept Antifee 2015

1. Teil: Theoretische Überlegungen zu Awareness-Arbeit

Wir, die Antifee-Organisationsgruppe, wünschen uns ein Festival auf dem sich möglichst viele Menschen, insbesondere die, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind, wohl fühlen können. Eines dieser Probleme, auf welches wir besonders aufmerksam machen wollen, ist Sexismus. Aufgrund der zugeschriebenen und sozialen Kategorie Geschlecht und der dadurch erwarteten Geschlechterrolle und Gechlechterstereotype erfahren Frauen*, Lesben*, Trans* und Inter*in dieser Gesellschaft ständig Diskriminierung und sind oft von sexualisierten Übergriffen/ sexualisierter Gewalt betroffen. Als Awareness –Team (Vorbereitungsgruppe, Ansprechgruppen- und Sicherheits- Schichten) sehen wir uns vor allem als Unterstützer*innen für Menschen, deren persönliche Grenzen missachtet und überschritten wurden.
Uns ist bewusst, dass in der jetzigen Gesellschaft, die durch Herrschaftsverhältnisse strukturiert ist, herrschaftsfreies Handeln nur eingeschränkt möglich ist und somit auch Awareness-Arbeit Widersprüchlichkeiten beinhaltet.
Wir fordern alle Besucher*innen dazu auf, sich achtsam zu verhalten, auf sich und andere aufzupassen und betroffene Personen zu unterstützen!
Aufgrund von herrschenden Machtverhältnissen gibt es verschiedene Ausschlüsse in der Gesellschaft, die zum Beispiel durch verschiedene Bildungszugänge und –chancen hervorgerufen werden. Wir haben den Anspruch möglichst wenig Ausschlüsse zu (re-) produzieren, weshalb dieses Festival zum Beispiel keinen Eintritt kostet. Wir haben also Handlungsmöglichkeiten, die es uns erlauben Ausschlüsse sichtbar zu machen und sie zu vermindern. Es soll Besucher*innen in queer-feministischen Kontexten stärken und ermutigen, die eigene Handlungsfähigkeit zu erkennen und sich zu solidarisieren. Uns ist bewusst, dass es dennoch viele Ausschlüsse geben wird, die unter anderem damit beginnen, dass nicht jede Person die Zeit und das Geld hat zum Antifee zu reisen und sich dort aufzuhalten.
Außerdem haben wir eine eingeschränkte Wahrnehmung von Strukturen und Situationen aufgrund von (Nicht-)Erfahrungen, da wir, das Antifee-Plenum, alle in Göttingen leben und studieren oder arbeiten, weiß, nicht langzeitig behindert*, cis-weiblich* und zwischen 20 und 30 Jahre alt sind.
Wir wollen unsere Privilegien nutzen, um Zugang zu Inhalten, Bewegungen und Perspektiven zu schaffen und diese schlussendlich damit zu bekämpfen und abzuschaffen.

 

2. Teil: Das konkrete Konzept

Allgemein

Wir wollen ein Festival, auf dem sich möglichst viele Menschen wohl fühlen können. Dabei wollen wir die Verantwortung aber nicht an einzelne Personen(gruppen), die gerade eine Schicht machen, abgeben. Wir wünschen uns, dass alle Festivalbesucher*innen sich verantwortlich fühlen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle frei bewegen können, ohne diskriminierendem oder grenzüberschreitendem Verhalten ausgesetzt zu sein.
Wir alle können dazu beitragen, das Antifee zu einem solchen Ort zu machen! Geht respektvoll miteinander um! Achtet auf eure und die Grenzen anderer! Dafür haben wir dieses Konzept entwickelt.
Wir möchten die Menschen, die Ansprechgruppen- oder Sicherheitsschichten übernehmen, möglichst gut durch einen Workshop im Vorfeld auf ihre Aufgabe vorbereiten. Die Teilnahme ist nicht Bedingung für die Übernahme einer Schicht, aber stark erwünscht.
Wir würden gerne den Prozess der Auseinandersetzung mit diesen Themen nicht nach dem Festival abbrechen lassen, daher gibt es die Möglichkeit Rückmeldungen zum Konzept gern per Mail zu schicken: ansprechgruppe [at] antifee.de
Weitere Informationen zum Thema Awareness & Sicherheit sowie Infomaterialien gibt es auch am Infostand direkt an der Bühne. Auch die „I <3 awareness”-Buttons (siehe unten) können dort abgeholt werden.

Personengruppen und Sichtbarkeit

Auf dem Antifee gibt es mehrere Personengruppen, die angesprochen werden können:

  • Die Sicherheitsgruppe spricht auch direkt die Menschen an, dessen Verhalten wir nicht tolerieren,und greift zur Not auch ein. Sie ist an einer weißen Armbinde mit schwarzen Aufschrift „Security” zu erkennen.
  • Die Ansprechgruppe ist vor allem für die Menschen da, die sich auf dem Festival unwohl fühlen. Diese haben im Vorfeld eine Einweisung erhalten. Sie sind an einer grünen Armbinde mit lila Aufschrift “Ansprechgruppe” zu erkennen.
  • Die Button-Träger*innen sind Festivalbesucher*innen und an ihren großen „I <3 awareness“-Buttons zu erkennen. Indem sie ansprechbar sind und die Augen offen halten, machen sie dieses Konzept (noch mehr) sichtbar und wirksam auf dem Gelände.
Was bedeuten diese Buttons?

Die Ansprechgruppe kann niemals das ganze Festival-Gelände überblicken. Daher sind wir auf Unterstützung durch euch, die Besucher*innen dieses Festivals, angewiesen.

  • Du möchtest gerne das Awareness-Konzept auf dem Antifee unterstützen und es sichtbarer machen?
  • Du traust dir zu, eine Situation sensibel einzuschätzen und möglicherweise die Ansprech- oder Sicherheitsgruppe hinzu zu bitten?
  • Du kannst dir vorstellen, eine Person zum Ansprechgruppenzelt zu bringen?

Dann: Hol dir gerne an dem Infostand einen „I <3 awareness“-Button ab und trage ihn sichtbar und verantwortungsbewusst, also solange du dir dies zutraust. Am Infostand werden zu den Buttons auch SOS-Zettel ausgegeben, auf denen steht, wo Festival-Besucher*innen Unterstützung bekommen können.
Die Button-tragenden Leute sind ansprechbar und haben einen besonders achtsamen Blick für das Geschehen auf dem Festival. Sie nehmen eine vermittelnde Rolle zwischen Festivalbesucher*innen und der Ansprechgruppe ein und machen zugleich das Awareness-Konzept sichtbarer. So können sie Leute zur Ansprechgruppe begleiten oder zum Beispiel der Sicherheits-Gruppe Bescheid geben, wenn sie einen Vorfall beobachten.
Die Buttons werden in Eigenverantwortung getragen und auch in Eigenverantwortung abgenommen. (z.B. bei Betrunken sein, bei Übermüdung, bei genereller Überforderung, etc.)

Sicherheitsgruppe:

Während des gesamten Festivals wird es Sicherheitsschichten geben, die bei grenzüberschreitendem, diskriminierendem und unerwünschtem Verhalten angesprochen und um Unterstützung gebeten werden können.
Die Sicherheitsgruppe selbst hat die Aufgabe über das Gelände zu gehen und auf unerwünschte Dinge und Verhalten zu achten, darauf aufmerksam zu machen und einzuschreiten. Dies kann auch bedeuten, dass Leute das Gelände verlassen müssen.
Des Weiteren soll die Sicherheitsschicht eine Vermittler*innenrolle zur Ansprechgruppe übernehmen und den Kontakt herstellen.
Pro Schichtteam ist mindestens die Hälfte mit F*L*T*I* besetzt.

Ansprech-Gruppe:

Die Ansprechgruppe ist vor allem für Personen da, die sich auf dem Festival unwohl fühlen.
Die Ansprechgruppe soll in diesem Jahr Ansprechgruppe heißen, und nicht etwa „antisexistische Ansprechgruppe/ASA“ wie oft in Göttingen üblich, da wir glauben, dass sich Menschen aus vielen Gründen auf einem Festival unwohl fühlen können. Somit soll der Begriff „Ansprechgruppe“ zeigen, dass Du die Gruppe auch ansprechen kannst, wenn Dein Unwohlfühlen nicht oder nur teilweise was mit Sexismus zu tun hat.
Wir können nicht für vollständige Sicherheit sorgen und wir können nicht garantieren alles auffangen zu können und möchten dies auch offen benennen: Wir haben den Anspruch ansprechbar zu sein, zu unterstützen und für die Person(en), die uns anspricht, da zu sein und Support zu geben.
Allerdings sind beispielsweise in der Göttinger Linken Szene größtenteils weiße und cis Perspektiven (aber nicht nur!) vertreten und auch im Antifee-Plenum sieht es ähnlich aus.Wir sind uns dieser Problematik bewusst, sehen die Lösung aber nicht darin, Personen, die in unserer Gesellschaft bereits unterprivilegiert werden, noch mehr extra-Aufgaben und Verantwortung zuzuschieben. Deshalb können wir also in manchen Fällen nur anbieten, aus unserer jeweiligen Perspektive zuzuhören und Gehörtes nicht zu hinterfragen. Eine Person vom Antifee-Plenum 2014 fasste das einmal so zusammen: „Wir wollen leisten, was wir leisten können, aber bilden uns nicht ein, dass das genug wäre.“
Dazu soll außerdem gehören, dass wir anbieten können, auch nach dem Vorfall in Kontakt zu bleiben, um zum Beispiel längerfristige Unterstützung zu vermitteln.
Wenn die Ansprechgruppe gerade keine Betroffenenarbeit leistet, halten sie Augen und Ohren offen, greifen zur Not aber auch ein.
Es wird wieder ein Ansprechgruppen-Handy geben, dessen Nummer auch auf den SOS-Zetteln und auf Schildern zu finden ist.
Personen der Ansprechgruppe sind auf dem Gelände, vor dem Ansprechgruppen-Zelt und beim AStA zu finden. Pro Schichtteam ist mindestens die Hälfte mit F*L*T*I* besetzt.
Die Ansprechgruppe kann auch versuchen, einen „safen Schlafplatz“ nach eigenen Bedürfnissen zu organisieren.
Weitere Informationen zu Betroffenenarbeit findet ihr auch in der Broschüre „Unterstützung geben“ von LesMigras (PDF 3,4 MB). Diese liegt auch am Infopoint aus.

Definitionsmacht und Parteilichkeit

Bei Vorfällen von sexualisierten Übergriffen/ sexualisierter Gewalt gilt auf jeden Fall Definitionsmacht! Das bedeutet für uns, dass der Fokus auf der betroffenen Person liegt, dass die betroffene Person die Situation definiert und wir parteilich mit der Person sind. Das bedeutet: Wir hinterfragen weder die Person, noch ihre Perspektive!
Dabei ist uns bewusst, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, in diesem Moment geht es aber nur um eine Wahrheit, nämlich die der betroffenen Person. Dabei müssen andere, einschließlich unserer Wahrheiten, erst einmal zurücktreten und können gegebenenfalls nach der Situation hinzu gezogen werden. Zunächst steht aber das Befinden der betroffenen Person im Vordergrund.
Im Umgang mit einer betroffenen Person sollen den Bedürfnissen der Person zugehört werden und den Bedürfnissen entsprechend und in Richtung Selbstermächtigung gearbeitet werden.
Sollte der Fall eintreten, dass zwei Personen Definitionsmacht quasi gegeneinander einfordern, wollen wir unsere Ressourcen zunächst auf beide Personen aufteilen und nicht davon ausgehen, dass beide die jeweils andere Person vom Gelände verweisen möchten. Auf die Frage was ist, wenn dieser Fall eintritt, haben wir bis heute keine Antworten gefunden und freuen uns über Input dazu.
Wir sind uns einiger Kritik am Konzept von Definitionsmacht bewusst und setzen uns damit auseinander. Wir finden es wichtig auf dem Antifee nach diesem Prinzip zu arbeiten, denn wir wollen den Betroffenen einen (Schutz-)Raum geben, in dem sie sich nicht rechtfertigen müssen und sich ernst genommen fühlen. Wir denken, dass die Anwendung von Definitionsmacht dabei hilft eigene Grenzüberschreitungen wahrzunehmen und Grenzen selbst zu definieren. Wir wünschen uns, dass dies bestärkend für Betroffene ist.

Reflektion und Verständnis fürs Einschreiten

Wir wünschen uns natürlich, dass alle Menschen, dessen Verhalten wir kritisieren und/oder sanktionieren, unsere Kritik und Entscheidungen sowie unser Einschreiten verstehen. Dies ist jedoch leider nicht realistisch! Wir wollen in den akuten Situationen nicht mit den Täter*innen diskutieren, sondern uns ist dann das Wohlbefinden der Betroffenen wichtiger. Die Diskussion kann (und soll) zu einem späteren Zeitpunkt und anderem Umfeld stattfinden. Bei Rausschmiss wird der Person ein (Rausschmiss-)Zettel gegeben.
Generell besteht die Möglichkeit im Anschluss eines Rausschmisses oder eines anderen Einschreitens Seitens der Sicherheits- oder Ansprechgruppe uns in den nächsten Tagen eine E-Mail zu schreiben an ansprechgruppe [at] antifee.de und um Erklärung zu bitten. Wir hoffen, dass unsere Kapazitäten nach dem Festival dazu ausreichen uns mit entsprechenden Anfragen angemessen auseinanderzusetzen.
Die Texte in unserer Broschüre sollen als Anstoß zur Auseinandersetzung mit den Themen dienen. Außerdem sei auf die Broschüre von 2014 verwiesen, die anstoß-gebende Texte enthält.

Räume

Wir als Orga-Team sind uns bewusst, dass wir mit dem Festival keinen vollständig sicheren Raum garantieren können, denn auch das Antifee befindet sich nicht abseits gesamtgesellschaftlicher Strukturen und Mechanismen.
Wir möchten allerdings versuchen auf dem Antifee Strukturen zu stellen, die diesen Mechanismen entgegenwirken können bzw. Betroffene möglichst gut supporten.
Dazu gehört, dass es auf dem Festivalgelände einen Safer Space (“geschützterer Raum”) geben wird, und zwar das Ansprechgruppen-Zelt, welches jederzeit aufgesucht werden kann. In diesem Safer Space wird den ganzen Tag über mindestens eine Person der Ansprech-Gruppe sein.
Auch im AStA-Gebäude, der Ort, an dem die Workshops stattfinden, wird es einen Safer Space geben. Dieser wird nicht dauerhaft von einer Person aus der Ansprechgruppe besetzt sein. Möchten sich Festivalbesucher*innen während der Workshops an die Ansprechgruppe wenden, kann diese über das Handy erreicht werden. Außerdem kann die Sicherheitsgruppe und eventuell Workshop-Referent*innen Kontakt zur Ansprechgruppe herstellen.
Vor beiden Safer Spaces gibt es eine „Ampel”. Wenn diese auf rot zeigt, findet in dem Raum gerade Betroffenenarbeit statt und es soll nicht gestört werden. Vor dem Ansprechgruppen-Zelt steht gegebenenfalls eine Person, die ansprechbar ist.
Es wird außerdem ein F*L*T*I*-Zelt geben, in das sich alle, die sich als Frauen*, Lesben*, Trans*, Inter* verstehen, zurückziehen können.
Für F*L*T*I*-Schlafplätze meldet euch am Infostand.
Sämtliche Räume auf dem Gelände sind ausgewiesen!

Unerwünschtes Verhalten

Folgendes Verhalten ist auf dem Festivalgelände unerwünscht:

  • Grenzüberschreitendes Verhalten
  • Diskriminierende Symbole und Sprüche
  • Nationalsymbole
  • Nackte Oberkörper von Männern*
  • Uniformen (inklusive Bundeswehrzeichen, Burschenschärpen, etc.)